Die Güte von Wetterprognosen
In diesem Kapitel erfahren Sie etwas zur allgemeinen Güte von Wetterprognosen.
Tatsächlich gibt es gute Gründe dafür, dass 100%-ige Vorhersage für alle Zeit ein unerreichbares Ziel bleibt.
Gibt es die 100%-ige Wetterprognose?
Um es vorwegzunehmen: Nein. Es gibt sie nicht.
Warum aber ist diese Antwort so eindeutig? Immerhin läßt sich die Atmosphäre
als hydrodynamisches System mit einem Satz mathematisch-physikalischer
Gleichungen (genauer: partieller Differentialgleichungen)
theoretisch exakt beschreiben. Und im allgemeinen benötigt man
zur analytischen Lösung solcher Differentialgleichungen
einerseits einen definierten Anfangszustand und andererseits
ein geeignetes Lösungsverfahren.
Das vollständige Gleichungssystem
der Atmosphäre ist jedoch aufgrund seiner Nichtlinearität und der
vielschichtigen Kopplung einzelner Terme nicht analytisch lösbar. Gäbe es analytische Lösung,
so könnte man, wie oben bereits gesagt, durch eine möglichst
genaue Erfassung des Anfangszustandes (d.h. der Feldverteilungen der meteorologischen Größen wie Druck,
Temperatur, Feuchte, ... zu einem gegebenen Zeitpunkt) langfristige
und sehr genaue Wetterprognosen erstellen.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten, irgendetwas mit dem unhandlichen
und in seiner allgemeinen Form einfach zu komplexen Gleichungssystem anzufangen:
Analytische Näherungslösungen
Die erste Möglichkeit besteht darin, einzelne Terme in dem
Gleichungssystem zu eliminieren, indem man sie in Hinblick
auf eine vereinfachte meteorologische Rahmensituation
als vernachlässigbar einstuft. Der Fachausdruck für diese Vorgehensweise
lautet Skalenanalyse. Zum Beispiel sind auf einer horizontalen Skala
von 10000 Kilometern
die beobachteten
Vertikalwinde
sehr gering, während sie in Gewitterzellen,
also auf einer horizontalen Skala von 10km, keineswegs gering sind.
Im ersten Fall kann man nun diese Beobachtung zu einer Vereinfachung
des Gleichungssystems heranziehen. Wenn man alle möglichen
Vereinfachungen geschickt genug durchführt, dann erhält man ein
mehr oder minder deutlich abgespecktes Gleichungssystem. Und dieses
ist dann im Idealfall einem analytischen Lösungsanatz zugänglich.
Für Wettervorhersagen jedoch sind diese analytischen Lösungen
aufgrund der vielen vereinfachenden Annahmen leider nicht mehr geeignet.
Immerhin sind sie aber für ein theoretisches Verständnis
der meteorologischen Prozesse sehr hilfreich.
Numerische Näherungslösungen
Einen anderen Lösungsansatz für das Gleichungssystem zeigt
L.F. Richardson 1922 in seinem Buchklassiker
"Weather Prediction by Numerical Process" auf: er
bediente sich der Methoden der diskreten Mathematik, der sog. Numerik.
In der Numerik werden die in der
Realität kontinuierlichen Feldverteilungen von Temperatur, Feuchte, Wind usw.
auf einen Satz von Gitterpunkten im Raum reduziert (diskrete Formulierung).
Eine diskrete Temperaturverteilung kann man sich dabei so vorstellen, dass man die
Temperaturwerte aller Jörg-Kachelmann-Wetterstationen zu einem
bestimmten Zeitpunkt notiert und sie in einer Deutschlandkarte an den jeweiligen
Standorten einträgt. Dieses verfahren wendet man auch auf die anderen Messgrößen an.
Man kann das komplette Gleichungssystem dann an
den einzelnen Gitterpunkten (und nur dort!) mithilfe der Verfahren der numerischen Mathematik
lösen. Dann erhält man z.B. die Temperaturen, welche die Wetterstationen erst
künftig messen werden.
Es liegt aber auf der Hand, daß die Reduktion einer kontinuierlichen
Feldverteilung auf ein diskretes Punktgitter ebenso wie die Vereinfachung des Gleichungssystem durch
Annahmen mit einem Informationsverlust verbunden ist.
Das folgende Bild zeigt mal als Beispiel, wie ein meteorologisches Modell
die Windstärke in einer bestimmten Modellschicht "sieht"
(Bemerkung: die Isolinien zeigen die Orografie, das Modellgebiet selbst
ist ein 40 mal 40km-Areal in der Kölner Bucht):
Intuitiv dürfte klar sein, daß man mit einer großen Anzahl an
Gitterpunkten im Raum und damit (in diesem Sinne) möglichst zahlreichen
tatsächlichen Messungen die Genauigkeit einer numerischen Wetterprognose verbessern kann.
Theoretisch schön und gut, aber in der Praxis folgen die Probleme
auf dem Fuße, denn der limitierende Faktor bei zu vielen Punkten im Raum
ist der enorme Rechenaufwand.
Zwar gibt es heute extrem leistungsfähige Hochleistungscomputer, aber auch
diese benötigen noch immer mehrere
Stunden für die numerische Lösung der Modellgleichungen auf einem weltumspannenden Punktegitter,
bei dem die einzelnen Punkte 30 bis 60 Kilometer aufeinander liegen!
Fazit
So weit, so schlecht. Völlig andere objektive (d.h. nicht an die Intuition
des Einzelnen gebundene) Verfahren der Wetterprognose, die nicht
vergleichbare Probleme hätten, gibt es nicht! Und klar ist, daß
jede noch so langjährige Erfahrung eines Meteorologen noch keine
Garantie für eine 100%-ige Wetterprogonse darstellt. Kurz: Die 100%-ige Wetterprognose
gibt es nicht und es wird es auch niemals geben können.
Darum verzeihen Sie dem Meteorologen vom Dienst auch heute,
im Zeitalter der Computer, einmal eine Fehlvorhersage. Nur die
Atmosphäre selber weiß, wie sie sich morgen im Detail verhalten wird.
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